Grafik: Logo Informationsplattform Religion

Grafik Seitentitel: Religionswissenschaft

Grafik: Symbol für Themen = StiftDie "Wissenschaft von den Religionen" ist eine eher junge akdademische Disziplin. Institutionell wurde sie erstmals 1921 an der Universität Leipzig als eigenständiges Fach etabliert.

Quellen und Entwicklungen

Das Fach speist sich sowohl aus einer religionskritischen, aufklärerischen als auch aus einer antirationalistischen, romantischen Strömung. Greifbar wird die Religionswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert, als Philologen alte indische Texte wiederentdeckten. Über diese Texte versuchte man, das "Wesen" einer historischen Religion zu fassen, ihren eigentümlichen "Kern" zu ergründen. Dabei standen außereuropäische Religionen lange Zeit im Vordergrund des Interesses. Etliche Religionswissenschaftler versuchten, eine evolutionäre Entwicklung von ursprünglichen (primitiven) Religionen hin zu kultisch und ethisch höherentwickelten Religionen zu beschreiben, wobei in der Regel das Christentum als höchste Entwicklungsstufe der Religionen angesehen wurde.
Bis in die 1950er Jahre hinein galt die Religionsphänomenologie als zentrale Methode der Religionswissenschaft. Damit verknüpft war die Anschauung, dass zum Erfassen des Wesentlichen von Religion(en) die individuelle Sensibilität des Forschers / der Forscherin für religiöse Gefühle, Stimmungen, Wirklichkeiten notwendig sei. Man müsse Religionen innerlich Vertehen können. Dies ist auch der lange Zeit vorherrschenden Verankerung des Faches - meist als Religionsgeschichte, manchmal auch als Missionswissenschaft - in der evangelischen Theologie geschuldet. Für diese Ausrichtung hatte Wort von Friedrich Schleiermacher große Bedeutung, nach der Religion das antwortende Handeln des Menschen auf die Ansprache durch Gott sei. Bis heute hat sich aber durchgesetzt, dass die bereits in den 1920er Jahren von Joachim Wach getroffene Unterscheidung zwischen systematischer Religionswissenschaft (unter die sich auch die Religionsphänomenologie als Vergleich in Orientierung auf ein Gemeinsames) und Religionsgeschichte das Selbstverständnis des Faches bestimmt.

Methodenfragen

Gleichwohl wurde in den 1960er Jahren eine Abkehr von der Methode der Religionsphänomenologie vollzogen. Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich die Religionswissenschaft zunehmend mit aktuellen und gesellschaftsbezogenen Fragestellungen. Dabei ist die Diskussion, was "Religion" sei, genauso offen wie eine differenziertere Selbstbeschreibung der methodischen Grundlagen des Faches. So bildet die Religionswissenschaft für manche nur eine terminologische Klammer für verschiedene sog. Bindestrich-Wissenschaften (Religionssoziologie, -phänomenologie, -psychologie, -geschichte usw.), während jedoch die Mehrzahl der Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler eine eigenständige Methode behauptet. Merkmal der Diskussion um das Selbstverständnis des Faches ist auch die Abgrenzung zur Theologie, was vor allem auf der Entwicklung - und Emanzipation - des Faches aus den universitären theologischen Disziplinen beruht. Gleichwohl sehen viele Überschneidungspunkte. Weiterhin gehört zum Selbstverständnis, dass Religionswissenschaft keine Aussagen über den Wahrheitsgehalt von Religionen machen kann. Gegenstand von Religionswissenschaft kann nur sein, was sich empirisch nachvollziehen lässt, zum Beispiel in Texten, Bildern, Gebäuden und natürlich vor allem in den Aussagen und Handlungen der Gläubigen selbst.
In jüngerer Zeit wird, hervorgerufen durch einen Generationenwechsel an den Universitäten und durch Reformen der Studiengänge, darüber diskutiert, inwieweit sich Religionswissenschaft genuin als "Kulturwissenschaft" begreifen sollte. Dieser Position stehen Fachvertreter und Fachvertreterinnen gegenüber, die den Wert der historisch-philologischen Arbeit betonen, und zwar nicht nur für bereits nicht mehr existierende Religionen.

Religionskritik und historischer Materialismus

In der ehemaligen DDR blieb die Religionswissenschaft als Religionsgeschichte oder Missionswissenschaft entweder Teil der wenigen theologischen Einrichtungen oder sie wurde vom historischen Materialismus vereinnahmt. Karl Marx hatte in seiner "Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie" von 1844 die eher individualistische Religionskritik Ludwig Feuerbachs weitergeführt und als Teil gesellschaftlicher Ideologiebildungsprozesse bestimmt. Danach sei Religion der "Seufzer der bedrängten Kreatur", die sich die Verbesserung des "irdischen Jammertals" nur in einer jenseitigen Welt vorstellen könne. Nach Marx war die Religionskritik jedoch beendet, da mit dem Sozialismus und Kommunismus die Aussicht auf ein irdisches Paradies bestehe, so dass es der Projektion ins Jenseits nicht mehr bedürfe. (In ähnlicher Weise argumentierte auch die klassische Säkularismus-Theorie, nach der angesichts zunehmender Rationalisierung Religion als gesellschaftlicher Faktor verschwinde, da ihre Funktion der Welterklärung überflüssig werde.) Mit diesen Marx'schen Vorzeichen konnte Religionswissenschaft nur noch historische Forschung sein und die in Religion sichtbar werdende vormarxistische Ideologie aufdecken. Trotzdem hat sich auch in der DDR ein Rest religionswissenschaftlicher Forschung erhalten. Entweder wurden historische Studien vorgelegt, die heute noch Grundlagenwerke sind (z. B. von Kurt Rudolph über die Gnosis), oder aber - seit den 1980er Jahren gab es Bestrebungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, den Religionen einen eigenständigeren Wert im Modell von Basis (materielle Verhältnisse) und Überbau (Ideologie) zuzusprechen. Insbesondere durch die Stärke in der historischen und philologischen Forschung konnte die Religionswissenschaft nach 1989 in den neuen Bundesländern ohne Brüche fortgeführt werden, so an der Universität Leipzig. Das Interesse an der Religionswissenschaft als eigentständiger Disziplin zeigt sich darüber hinaus in der Neubegründung von entsprechenden Instituten, u. a. an den Universitäten Erfurt und Jena.

Religionswissenschaft heute

Im gesellschaftlichen Diskurs führte die Religionswissenschaft lange Zeit ein Schattendasein. Ihre Gegenstände - außereuropäische Religionen, historische, d. h. vergangene Religionen - ließen sich nur schwer mit gesellschaftlichen Problemen in Bezug setzen - auch wenn die am historischen Material gewonnenen Erkenntisse einen Beitrag zur Analyse aktueller Phänomene leisten können. Außerdem wurde insbesondere auch in Deutschland die Kompetenz für gesellschaftspolitische Fragen mit Bezug auf Religionen den beiden großen Kirchen zugesprochen. So kam es zuerst im Zuge der Auseinandersetzungen um sog. Sekten (Neue Religionen) zu einer etwas breiteren Wahrnehmung von Religionswissenschaft. Dies war jedoch mit Vorwürfen verbunden, nach denen Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler, die in ihren Stellungnahmen nicht das bereits bestehende kritische Bild über sog. Sekten ergänzten, im Grunde als Unterstützer der in der Regel als gefährlich eingestuften Gemeinschaften anzusehen seien. Seit den 1990er Jahren jedoch hat sich die Religionswissenschaft von dieser Stigmatisierung lösen können. Einen wesentlichen Beitrag leisteten jüngere Forscherinnen und Forscher, die an den Universitäten über weitere aktuelle Fragestellungen arbeiteten und den religionswissenschaftlichen Ansatz empirisch und methodisch fundierten. So ist heute festzustellen, dass die "großen" Religionen (Islam, Buddhismus, Hinduismus) nicht mehr nur in ihren Ursprungsländern untersucht werden, sondern genauso in Deutschland, Europa und den USA. Auch christliche Strömungen und Gemeinschaften sind stärker in den Blick gekommen, genauso wie neuere Phänomene, etwa Civil Religion oder Internet-Religionen. Dabei gelingt es dem wissenschaftlichen Diskurs, historische und aktuelle, europäische und außereuropäische Forschungen miteinander in Bezug zu setzen und so fruchtbar zu machen. Darüber hinaus bemühen sich Religionswissenschaftlerinnnen und Religionswissenschaftler zunehmend, am aktuellen gesellschaftlichen Diskurs um die Bewältigung von Pluralität, Migration und Integration teilzunehmen und einen eigenen Beitrag zu leisten.

Grafik für Navigation 'nach oben'

Vereinigungen

Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW)

Die DVRW wurde 1950 in Westdeutschland begründet; Religionswissenschaftler aus der ehemaligen DDR waren in ihr Mitglied. Sie ist der akademische Fachverband der deutschen Religionswissenschaft und hat rund 250 Mitglieder. Im September 2005 erfolgte die Umbenennung von Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte (DVRG) in DVRW. Die DVRW gehört zu den größeren Vereinigungen, die international in der International Association for the History of Religions (IAHR) zusammengeschlossen sind.
>> Homepage

Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e. V. (REMID)

REMID wurde 1989 von jüngeren Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftlern gegründet. Impulse waren die Kritik an unzureichenden außeruniversitären Beschäftigungsmöglichkeiten und an einer zu starken außereuropäischen und historisch-philologischen Orientierung der akademischen Disziplin (Letzteres hat sich - siehe oben - geändert, Ersteres nicht). Der Verein mit Sitz in Marburg hat rund 180 Mitglieder.
>> Homepage

Skuld - Studierendennetzwerk Religionswissenschaft

Dem Netzwerk gehören Fachschaften resp. Studierende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Kristallisationspunkt sind jährliche Symposien der Studierenden, auf denen neben inhaltlichen Interessenschwerpunkten der Teilnehmenden auch hochschulpolitische Themen behandelt werden.
>> Homepage

Grafik für Navigation 'nach oben'

Lehre und Forschung

Das Fach Religionswissenschaft wird an über 20 deutschen Universitäten gelehrt. Es ist trotzdem ein kleines Fach, in der Regel wird es an einer Universität nur von einem Professor / einer Professorin vertreten. Rund 2.500 Studierende sind in dem Fach eingeschrieben.
In Lehre und Forschung wird - mit unterschiedlichen Schwerpunkten - die gesamte Breite des Spektrums von systematischer Religionswissenschaft und Religionsgeschichte abgedeckt. Bemerkenswert ist, dass seit rund 10 bis 15 Jahren eine Verschiebung hin zu aktuellen Fragestellungen stattgefunden hat. Begünstigt wird diese Entwicklung in neuerer Zeit zusätzlich durch die Einführung der BA-MA-Studiengänge, die das intensive Erlernen einer außereuropäischen Quellensprache wie etwa Sanskrit, Arabisch oder Tibetisch, nur schwer erlauben. Damit ist die bis in die 70er Jahre bestehende philologische Orientierung der Religionswissenschaft aufgegeben zugunsten einer Verortung in den Sozial- und Kulturwissenschaften.
Über die genannten Einstiegsseiten lassen sich die einzelnen Institute leicht auffinden.
>> Portal Religionswissenschaft

Diese Seite bietet unter anderem eine Übersicht zu allen Universitätsinstituten

>> Dokumentation: Religionswissenschaft in Deutschland

Die Online-Fortschreibung einer Dokumentation aus dem Jahr 2001 mit Beschreibung von Profilen der einzelnen Institute und Forschungsschwerpunkten. Die neueren Entwicklungen seit 2003 sind nicht überall nachvollzogen.

Grafik für Navigation 'nach oben'

Zeitschriften

Eine Auswahl von Zeitschriften, die das Profil der Religionswissenschaft in Deutschland abbilden.

Marburg Journal of Religion (MJR)

Diese 1995 gegründete Online-Zeitschrift wird von Prof. Michael Pye (Marburg), Prof. Peter Antes (Hannover) und Prof. Andreas Grünschloß (Göttingen) herausgegeben. Sie einzelnen Ausgaben enthalten Beiträge und Buchbesprechungen, pro Jahr gibt es durchschnittlich zwei Editionen.
Das MJR ist Teil des "Internet Journal of Religion", das mehrere Online-Zeitschriften verbindet.
Sprache: Englisch, teilweise Deutsch.
>> Homepage Marburg Journal of Religion
>> Homepage Internet Journal of Religion

Online. Heidelberg Journal of Religions on the Internet

Die Zeitschrift wurde von Mitarbeitern des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg initiiert. Alle Beiträge sind Online im Volltext verfügbar.
ISSN: 1861-5813. Sprache: Englisch
>> Homepage

Religion - Staat - Gesellschaft

Diese Zeitschrift ist ein im Jahr 2000 begründetes, interdisziplinär angelegtes Projekt mit religionswissenschaftlicher Beteiligung. Gegenstand der Beiträge ist, wie der Titel abbildet, das Verhältnis von Religion, Staat und Gesellschaft. Herausgeber sind Gerhard Besier (Hannah-Ahrend-Institut, Dresden) und Hubert Seiwert (Religionswissenschaftliches Seminar Leipzig).
ISSN 1438-955X. Sprache: Deutsch
>> Homepage

ZfR. Zeitschrift für Religionswissenschaft

Herausgeber der ZfR ist die Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft DVRW (bis 2006: Deutsche Vereinigung für Religionsgeschichte, DVRG). Sie wurde 1993 als deutschsprachige Fachzeitschrift der akademischen Religionswissenschaft begründet.
Im Internet sind Inhaltverzeichnisse und Abstracts aller Beiträge seit 1993 verfügbar.
ISSN 0943-8610. Sprache: Deutsch, teilweise Englisch.
>> Homepage

Grafik für Navigation 'nach oben'

© 2006 Informationsplattform Religion / REMID e. V.
www.remid.de | www.religion-online.info

Bearbeiter: Steffen Rink | Letzte Aktualisierung: 27.02.2006

Grafik: Überschrift 'Siehe auch...' für interne Links

 

Grafik-Text: Ihre Meinung...